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Weihnachten im Sommer | mein Leben in Perú

Wie wohl einige wissen sind wir hier in Peru nicht nur 6 Stunden zurück sondern auch volle 6 Monate – was die Jahreszeiten betrifft zumindest. Weihnachten ist hier also am Sommeranfang und entsprechend sonnig und warm ist es hier auch. Die Kinder singen von „Blanca Navidad“ (weisse Weihnachten), die es hier wohl nie geben wird und die Fenster sind mit Schneesternen, Schneemännern, Kunstschnee und dergleichen geschmückt – wie zum Hohn glitzern sie in der brennenden Mittagssonne und ich frage mich wer hier überhaupt nur eine Ahnung hat was Schnee wirklich ist, wie er sich anfühlt, riecht, wie herrlch es ist skizulaufen oder die winterliche Stille in den Bergen und die frische kalte Luft zu atmen.

Hier fehlt Weihnachten eindeutig der ganze Zauber, es ist alles nur eine triste Farce aus Plastik, Kitsch und Konsum auf unterstem Niveau. Im Zentrum Limas wälzen sich die Menschenmassen und reissen sich um lieblose, billige Plastikspielzeuge aus Taiwan und China, kaum jemand kann seinen Kindern eine echte Barbie leisten oder Lego, aber das ist im Grunde nicht so schlimm, denn die meisten peruanischen Kinder haben eine grosse Familie in der sie die Liebe und Hinwendung in geballter Form bekommen, die kein Geschenk jemals aufwiegen könnte. Aber es gibt hier auch die dunkle Kehrseite, die Armut, die besonders in der Weihnachtszeit ihr hartes, bitteres Gesicht zeigt.

Gestern gab es eine erschütternde Reportage, die ich dank meines immer besser werdenden spanisch nun auch komplett verstehen konnte, in der gezeigt wurde, wie es den tausenden von Familien geht, die in den ärmsten Vierteln wohnen und weder Strom noch Wasser haben, wo die Kinder vor Hunger weinen und verzweifelte Mütter jeden Tag um ihre blosse Existenz kämpfen. Die meisten dieser Familien haben nicht mehr als einen groben Bretterverhau als Heim, leben auf dreckiger, feuchter Erde und haben nur eine offene Kochstelle als Küche. Hier sind auch Krankheiten wie Skorbut ein Thema und das Gelbfieber greift um sich. Zum Glück werden die Grundimpfungen gegen die schlimmsten Krankheiten vom Staat gratis gegeben, so dass die Kinder in dieser Hinsicht geschützt sind.

Mir ist auch aufgefallen, dass sehr viele Mütter alleine dastehen, verlassen von feigen Männern, die sich wahrscheinlich nie ganz zu ihnen bekannt haben und schon längst die nächste Frau unglücklich zurückgelassen haben. Die Armut trifft immer die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft, die Frauen, die Alten, die Kranken und die Kinder. Besonders hart trifft es auch die Indiofrauen aus den Anden (die mit den berühmten bunten Kleidern, Zöpfen und Hut), die hier in Lima als billige und fleissige Angestellte ein eintöniges Leben fristen ohne jede Freizeit, mit einem Minimum an Lohn, die in winzigen Kämmerchen meist kaum grösser als ein Schrank hausen müssen. Als einfache Hausangestellte haben sie kaum je die Aussicht auf so etwas wie eine berufliche Karriere – ganz im Gegenteil, wenn sie schwanger werden oder schon Kinder haben ist es für sie praktisch unmöglich im Haus zu arbeiten. Ich kenne ein Hausmädchen, dass seit dem Alter von 11 Jahren in derselben Familie arbeitet und als sie schwanger wurde hatte sie das grosse Glück mit dem Kind bleiben zu dürfen (der Vater des Kindes war ein Neffe der Familie und lies sie sitzen) – aber ihr Lohn wurde von 400 auf 300 Soles gekürzt, mit der Begründung, dass das Baby ja ein Esser mehr wäre… Ein typisches Schicksal hier in Lima.

Also Weihnachten hier ist weder besinnlich noch friedlich, es ist grell, bunt, überzogen kitschig und wirkt im Ganzen so unecht wie die Plastikweihnachtsbäume. Ich vermisse die deutschen Weihnachtsmärkte, ich vermisse die Dunkelheit und die Kälte (ich hätte nie gedacht so etwas je zu schreiben) und ich vermisse den Schnee und natürlich meine Familie. Weihnachten fern der Heimat ist einfach kein Weihnachten!

Ich wünsche Euch allen von Herzen frohe Weihnachten – Feliz navidad…!

Good bye Deutschland | Leben in Perú

Zwischen durch möchte ich in meinem Blog auch ein bisschen über das Leben im (peruanischen) Exil und meinen Eindrücken hier berichten… Ich lebe hier in Lima nun schon mehr als ein Jahr glücklich und (fast) zufrieden mit meiner kleinen Familie bestehend aus meinem peruanischen Mann, meiner Tochter und mir.

Witzigerweise vermisst mein Mann Deutschland mehr als ich und redet seit einiger Zeit davon wieder zurückzukehren. Ich allerdings arbeite und lebe hier mit mehr Komfort als in Deutschland, ich kann mir eine Vollzeit Haushälterin leisten, die mich von all der dreckigen, langweiligen und vor allem unerfüllenden Hausarbeit entlastet, so dass ich mich voll und ganz auf das konzentrieren kann, was mein wirklicher Lebensinhalt ist: Design und Internetmarketing.

Dies ist kein Land in das man als Gringo oder Gringa gehen sollte, wenn man nicht über einen gewissen finanziellen Background verfügt oder sein Einkommen unabhängig sichern kann. Überhaupt ist der Traum vom Auswandern mit sehr grosser Vorsicht zu genießen, finde ich. Nicht nur in Peru sondern in den meisten Ländern der zweiten und dritten Welt wird man als Ausländer gern für alles und jedes zur Kasse gebeten und die Bürokratie ist ein reiner Alptraum.

Wir haben mehr als 12.000 Dollar an Zoll und „Sicherheiten“ bezahlt um unser Auto aus dem Zoll zu bekommen – das war ein elendig langwieriger Prozess von mehr als einem halben Jahr. Sollte jemand trotz allem vorhaben ein Auto nach Peru zu exportieren – der schreibe mir lieber vorher damit ich ein paar gute Tipps geben kann oder helfen kann (inzwischen kennen wir uns da sehr gut aus…). Dafür sind die Autoreparaturen aller Art hier sehr günstig und man kann sich auch original Ersatzteile bestellen die auf mysteriösem Wege beschafft werden… Allerdings ist es besser man sieht den Mechanikern bei der Reparatur über die Schulter, denn zu gross ist das Risiko das hier und da ein bisschen was ausgetauscht wird…

Die Peruaner sind sehr patriotisch und lieben ihre typischen Nationalgerichte wie Cebiche oder Caldo de Gallina, alles mega scharf und für mich daher ungeniessbar denn Rocotto, die schärfste Frucht der Welt (ja viel schärfer als chilli!) wird hier gern und auf vielfältige Art im Essen verarbeitet. Es gibt in Lima auch grandiose Restaurants, mit Buffets die mich bedauern lassen, dass mein Magenvolumen begrenzt ist. Es wächst und lebt hier fast alles an Getier, Früchten und Gemüse und die drei Klimazonen Perus bringen ihre jeweils eigenen Gerichte und Traditionen mit sich…

peruanische Küche
So kocht man peruanisch…

Das Volk Perus ist bunt gemischt, es gibt die Indios der Anden (ungefähr 80% der Bevölkerung), die Nativos der Selva, die grossen schwarzen Kolonien in Pisco und Chincha und ein ausgedehntes Barrio chino in Lima und anderen Städten.
Hellhäutige Menschen trifft man außerhalb von den besseren Stadtteilen kaum, ich schätze den Gringo-Anteil insgesamt auf maximal 2-3 %, wenn man die Touristen nicht mitrechnet.

Der Tourismus hier ist sehr begrenzt, anders als in Mexico ist das Meer in Peru kalt und rau, die Wellen und eine harte Strömung ziehen den ungeübten Schwimmer schnell weit aufs Meer hinaus und immer wieder werden Vermisste gemeldet, die sich später tot angespült wieder finden wenn überhaupt. Die Touristen, die hierher kommen gehen nach Nazca um die Linien zu bestaunen, nach Cusco und Macchu Picchu zu den Inkastätten, suchen das Abenteuer am Amazonas in rustikalen Urwaldlodges fernab jeder Zivilisation (Anacondas und Vogelspinnen im Service inbegriffen). Individualtourismus nennt sich das – vor allem die Amerikaner sind besonders davon begeistert, die meisten grossen Hotels und Lodges sind entweder in amerikanischer Hand oder in deutscher (ja es gibt hier sehr viele deutsche Investoren). Soweit ich recherchiert habe kommt der Tourismus den Peruanern aber selbst leider kaum zugute.

Das Leben für die meisten Peruaner ist hart und mühseelig, die Völker der Anden leben fast allesamt unterhalb der absoluten Armutsgrenze, was die Arbeitswilligen nach Lima und die anderen grossen Städte treibt wo sie dann in aus Strohmatten zusammen gebastelten Hütten ein neues Leben in Armut und Dreck beginnen. Wie bunte Klötzchen ziehen sich diese Hütten an den Berghängen die Lima eingrenzen hinauf und von Strom, Wasser und Kanalisation träumen deren Bewohner leider nur.

Ich frage mich immer warum geht es diesem Land so schlecht, warum ist die Politik so korrupt und haarsträubend dilettantisch, warum machen die Leute hier nicht was aus den so reich vorhandenen Ressourcen? Garcia verkauft den heiligen, kostbaren Urwald an die ausländischen Ölfirmen (und das in heutigen Zeiten!) und schlägt die zunächst passive Revolte der letzten Nativos, die noch ein ursprüngliches Leben führen blutig nieder. Ich bin nicht politisch engagiert noch könnte ich behaupten den totalen Überblick zu haben, aber ich höre was die Leute sagen und ich verstehe nicht warum das peruanische Volk diesen grossen Frevel an sich selbst, an seinen ureigenen (noch intakten) Wurzeln so (fast) widerstandslos hinnimmt.
Die Berichterstattung im peruanischen Fernsehen ist nicht nur reißerisch und sensationslüstern, sondern auch extrem lückenhaft so dass das wirklich Wichtige selten in den Fokus der Öffentlichkeit rückt. Ich habe leider nicht die Zeit, nicht die Verbindungen und Kontakte um herauszufinden was sich wirklich so abspielt.

Ich denke ein Grundübel ist die mangelnde Schulbildung der breiten Bevölkerung. Die staatlichen Schulen sind gelinde gesagt katastrophal, so dass jede Familie, die es sich leisten kann ihre Kinder für 50 – 100 Soles im Monat auf eine private Schule schickt, deren Niveau auch nicht viel besser ist. Gerade wurde eine Eliteschule für Millionen von Soles eröffnet – aber dem Rest des Schulwesens die Mitteln gekürzt…
Der grösste Teil der Staatsgelder fließen sowieso in Polizei und Militär.
Alles hier ist hierarchisch gegliedert und aufgebaut, die Kinder werden mit Rohrstock und psychischer Gewalt in das System gezwängt und der strenge Katholizismus tut sein übriges dazu. Die Leute haben grosse Angst vor der Obrigkeit aber finden immer wieder viele Mittel und Wege diese geschickt zu um- oder hintergehen. Es gibt kaum gescheite Stimmen in der Öffentlichkeit und das Bildungsbürgertum, dass in Deutschland die breite Masse bildet gibt es hier kaum bis gar nicht.

Ich finde dies insgesamt unendlich schade, denn dieses Land ist an sich wunderschön und einzigartig, ich bin hier Menschen begegnet, die mich so herzlich und warm in ihre Familie aufgenommen und das wenige, dass sie haben bereitwillig mit mir geteilt haben. Die Peruaner haben zudem die außergewöhnliche Fähigkeit all die Misere einfach zu vergessen und ausgelassen zu feiern, zusammen zu sitzen und zu reden, zu singen und natürlich Cumbia oder Salsa zu tanzen… Die Peruaner leben im Hier und Jetzt, das Gestern vergessen sie lieber und das Morgen ist ja noch nicht da… Auch wenn diese Einstellung die Wirtschaft und die Politik nicht voranbringt, so ist sie doch die beste Einstellung um in Perú in Bescheidenheit zu (über)leben und nicht seelisch an dem tristen, harten Alltag zugrunde zu gehen…

Ich überlege oft, was ich tun kann um zu helfen, aber meine Hilfe beschränkt sich dann doch nur auf die Mitglieder meiner peruanischen Familie.
An sich lebe ich gern hier, ich habe einen wunderbaren Mann, den ich von ganzem Herzen liebe, mein geliebtes Kindchen, eine pfiffige, süße und nicht auf den Mund gefallene Sechsjährige, die gern zur deutschen Humboldt-Schule geht – es fehlt uns also an nichts.

Wir führen für peruanische Verhältnisse ein absolut privilegiertes Leben und manchmal erfassen mich Zweifel an dessen sozialer Richtigkeit und dann ziehe ich mich auf die alte feige Ausrede zurück, dass ich allein ohnehin nichts bewirken kann… Es ist immer so eine Sache zu kritisieren und selbst nichts zu tun – und ich bekenne mich in dieser Hinsicht für schuldig. Hätte ich nicht den sozialen und beruflichen Background aus Deutschland und könnte über das Internet arbeiten, dann würde ich hier allein sicherlich nichts erreichen, wahrscheinlich nicht mal überleben…