Beiträge

Von der Inspiration der Langeweile

„Mir ist langweilig!“ maulte meine achtjährige Tochter als wir in einem Patientenwartezimmer schon viel zu lange auf die Behandlung warten mussten. „Kann ich Dein Handy?“ war die nächste Frage (auf meinem Handy sind diverse Spielchen geladen) aber ich antwortete spontan „nein, Du kannst auch mal Langeweile haben! Als ich so klein war wie Du hatten wir sowas alles noch nicht und mir öfter mal langweilig und ich bin nicht dran gestorben…!“ Ein Stöhnen und „Ooch Mama!“ war darauf die Reaktion. Dieser kurze, zugegebenermassen nicht sonderlich geistreiche Dialog brachte mich allerdings zu tieferem Nachdenken (und noch mehr Langeweile für meine Tochter).

Die Auswirkungen der digitalen Dauerbeschäftigung

In Zeiten voranschreitender digitaler Demenz, wie Manfred Spitzler (dt. Gehirnforscher) überspitzt formuliert ist die Langeweile rar, die ständigen Beschäftigungsmöglichkeiten sind dank Smartphones, Nintendo, Spielekonsolen, Fernseher, Radio und Computer praktisch immer und überall gegeben. Da muss man kein Gehirnforscher sein um zu vermuten, dass dies auf Dauer nicht unbedingt die positivsten Auswirkungen auf das Gehirn haben kann.
Aber ich denke da vor allem an einen Zustand, den die digitalen Möglichkeiten fast vollständig ausgemerzt haben – die klassische Langeweile – ich glaube, dass regelmässige (und auch mal exessive) Langeweile paradoxerweise sehr isnpirirend sein kann und allgemein die Kreativität fördert. Nicht umsonst sind meine tollsten Ideen an so langweiligen Orten wie z.B. auf dem Klo oder in der Strassenbahn entstanden und ein erzwungener, nicht zielgerichteter geistiger Leerlauf ist ein wichtiger Bestandteil des kreativen Denkprozesses.
Eine Kreation im weiteren Sinne ist die Lösungsfindung für eine ganz bestimmte Aufgabenstellung, d.h. der kreative Prozess kann dafür je nach Schwierigkeitsgrad sehr vielschichtig und umfassend sein und traditionellerweise mit vielen Lösungsansätzen einher gehen und mit denen man im Geiste sozusagen „schwanger geht“. In Momenten der Langeweile oder solchen in denen man innerlich abschaltet (z.B. beim Musik höhren, bei einem langweiligen Vortrag oder dem Besuch der Schwiegereltern) beginnt der Verstand unterbewusst zu arbeiten und durchläuft ohne störenden Stress die verschiedenen Lösungsansätze und vereint Unkonventionelles spielerisch miteinander. Das Resultat ist dann oftmals eine plötzliche zündende Idee oder die langgesuchte Lösung für irgendetwas. Das bedeutet, dass der als Langeweile empfundene Zustand den Geist tatsächlich unterbewusst zu Hochtouren auflaufen lässt.

Kinder die Langeweile haben

Eindrucksvoller veranschaulichen Kinder, die man unbarmherzig echter Langeweile aussetzt deren inspirierende Wirkung – schon nach kurzer Zeit beginnen sie erfinderisch zu werden und legen eine grosse Kreativität an den Tag wie sie diesen unbefriedigenden Zustand möglichst schnell beenden können. Meine Tochter fängt dann oft an zu singen, sie läuft herum und erkunded alles, bastelt aus dem Vorhandenen (z.B. Werbeflyer) kleine Figürchen zum Spielen oder denkt sich Geschichten aus oder wenn ich dabei bin mir über alles und jedes Löcher in den Bauch zu fragen. Ich reglementierte bisher mehr aus einem intuitiven Empfinden heraus denn aus gründlicher Reflexion die gigitalen Zerstreuungsmöglichkeiten meiner Tochter. Nintendo, Smartphone und dergleichen hat sie nicht und wenn sie meines haben will muss sie dafür ein paar Aufgaben erfüllen (z.B. ihr Zimmer aufräumen) und Fernsehen ist höchstens mal abends maximal eine Stunde erlaubt. Das Resultat ist, dass sie gelernt hat sich selbständig zu beschäftigen und die Langeweile auch mal auszuhalten und sich tatsächlich dann auch gar nicht mehr so sehr zu langweilen. Viele tolle Basteleien und Bilder sind gerade dann entstanden wenn es besonders langweilig für sie war (z.B. im Restaurant).
Daher denke ich ist die Langeweile eine gute Inspiration und Herausforderung gerade auch für Kinder.

Probieren Sie es selbst einfach mal aus – tun Sie eine Zeit lang gar nichts und langweilen Sie sich ausgiebig! Besonders empfehlenswert genau dann, wenn Sie bei einer bestimmten Aufgabenstellung/Sache gedanklich einfach nicht weiter kommen, bzw. sich im Kreis drehen…

Lola_003

Braucht der Mensch einen tierischen Begleiter?

Wir kennen sie alle, die Hundefreaks, die Katzentanten und die Meerschweinchenuschis – riesige Zoogeschäfte leben von einem gigantischen Umsatz an Futtermitteln und ca. jeder 3. Deutsche nennt ein Haustier sein eigen. Aber warum eigentlich? Was sagt dies über uns aus?

Auch ich muss gestehen mich davon nicht ausnehmen zu können… Lola mein Graupapgeikind sitzt gerade auf meinem Bein und krakeelt ganz niedlich vor sich hin. Seit sie als 4 Wochen altes unbefiedertes Vogelbaby zu mir kam habe ich sie jeden Tag alle 4 Stunden mit der Spritze gefüttert, die letzte nachts um 1.00 und die erste morgens um 6.00 Uhr… Mittlerweile frisst sie alleine und ist vollkommen ausgewachsen und kann auch schon fliegen. Aber warum habe ich mir das eigentlich angetan, all der Stress, die Unabkömmlicheit, die Kosten – an die tausend Euro bis jetzt? Warum habe ich mir dieses graue Federvieh mit dem roten Schwänzchen zugelegt und vorher wochenlang extrem unter der Trennung von meinen geliebten Vögeln gelitten, die ich in Peru zurücklassen musste? Eigentlich irrational und von meinem Mann überhaupt nicht nachvollziehbar, er versteht das absolut nicht.

Die allgemein bekannte Erklärung des Ersatzes ist so gesehen in meinen Augen nicht wirklich ausreichend und vor allem zu negativ besetzt (soziale Defizite kompensieren). Ich habe eine Tochter, eine gute Beziehung und viele Freunde, einen ausgefüllten Job und werde demnächst (morgen, übermorgen?) wieder Mutter. Ich brauche keinen Ersatz für irgendetwas, nein mein geliebtes Vogelkind stellt für mich eine ganz eigene, zusätzliche Bereicherung dar. Ein Tier, sei es noch so klein oder unzugänglich (man denke nur an die Terrarientiere) übt eine Faszination des Andersartigen aus, ein Lebewesen, komplett verschieden von uns in seinen Ansprüchen, seiner Lebens- und Ausdrucksweise und deswegen bereichernd, inspirierend und interessant.

In meinem Falle geht die Bindung noch tiefer als gewöhnlich, da ich meinen Papagei selbst aufgezogen habe und somit ein vollkommenes Vertrauen zwischen uns herrscht und das Tier mir gegenüber keinerlei Scheu empfindet. Da besonders Graupapgeien empfindsam, hochintelligent und liebevoll sind ist ein grosses Potential gegeben um sich gut aufeinander einzustellen und miteinander kommunizieren zu können.
Lola übt schon fleissig Wörter, lernt was sie darf und was nicht (z.B. Tastaturen und Stifte zerbeissen geht ja mal gar nicht…) und sie kommt bereits angeflogen wenn ich sie rufe (naja meistens, es sei denn sie ist gerade mit etwas sehr interessantem beschäftigt). Wenn sie müde ist klettert sie an meinem Bein hoch und kuschelt ausgiebig bis sie eingeschlafen ist – es gibt wirklich nichts Vergleichbares wie dieses innige Vertrauen eines schlafenden Vogels auf dem Schoss…! Sie ist natürlich sehr verspielt, frech und manchmal ein bisschen verrückt (wenn sie laut krächzend mit aufgestellten Federn auf irgendetwas losgeht, dass ihr nicht ganz geheuer ist) eigentlich irgendwie menschlich vertraut und doch ganz anders…

Graupapageien sind in der Lage Wörter nicht nur zu repetieren sondern sie auch im sinnhaften Kontext anzuwenden. Sie können sogar lernen verschiedene, logisch struktuierte Aufgaben zu lösen, zu rechnen und ihre Bedürfnisse direkt mitzuteilen. Ein sehr eindrucksvolles Beispiel dafür ist Alex, das Vogelgenie aus Harvard, ein über 30 Jahre lang trainierter Graupapgei, der für bahnbrechende Erkenntnisse in der Tierverhaltensforschung gesorgt hat. Alex hat der Welt eindrucksvoll gezeigt wozu ein kleiner Papagei in der Lage ist und damit viele Theorien mal eben über den Haufen geworfen…

Hier ein Nachruf auf diesen außergewöhnlichen Vogel:

Was also steckt hinter der Beziehung  zwischen Tier und Mensch?

Das Interessanteste allerdings – und jetzt komme ich zu dem Punkt um den es mir eigentlich geht – ist die Inspiration, die von einem solchen Tier ausgeht. Das Tier zwingt uns dazu nicht nur seine Andersartigeit zu akzeptieren sondern diese auch verstehen zu lernen und adäquat damit umzugehen. Die Kommunikation mit einer anderen Spezies ist eine helfende Eigenschaft und Vorraussetzung um auch bei anderen Problemen durch verschiedene Blickwinkel zu neuen Lösungsansätzen zu kommen. Das Tier fordert uns täglich aufs Neue heraus, nervt uns, entzückt uns, will geliebt und verstanden werden ist uns ein treuer, verlässlicher, höchst zugewandter Begleiter und erweitert unseren Horizont in unvergleichlicher Weise.
Es nimmt uns die Überheblichkeit des Menschseins und versöhnt uns mit den anderen Geschöpfen der Schöpfung… Und wer behauptet ein Tier könne nicht lieben – der hat nicht so eine innige Vogelliebe erlebt wie ich mit meinem grauen Schätzchen…

Lola und ich…